Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint!

Ich habs ja nur gut gemeint, meist mit Schmoll in der Stimme vorgetragen, ist ein sicheres Statement dafür, daß man mit irgendwas ordentlich daneben gelegen hat. "Nur gut gemeint" hatte ichs letztens mit "Herrn Müller" (wir nennen ihn so, weil Milchreis gleich noch eine zentrale Rolle spielen wird). Mittlerweile grüßt er mich wieder :-/

Herr Müller und ich, wir sind gute Kollegen - das heißt, wir haben direkt nix miteinander zu tun. Von der Geschäftleitung offiziell bereits mehrmals in den Ruhstand verabschiedet, findet Herr Müller im Rentnerdasein keine Erfüllung und verrichtet vormittags noch leichtere Arbeiten. Sehr langweilig scheint es ihm Montag abends zu sein, denn da kocht Herr Müller kubikmeterweise Milchreis. Dieser wird dann fein säuberlich in kleine Einmachgläser umgefüllt, verplompt und wie Moses seeling im Weidenkorb verstaut. Nach einem ausgeklügelten persönlichen Sympathiepunktesystem vorgehend, verteilt Herr Müller nun Diestags die Milchreisportionen unter der ausgesuchten Kollegenschaft. Dieser Vorgang ist "gefürchtet"; wer will, kann Montags in der Kaffeeküche Gesprächsfetzen aufschnappen, in denen, im resignierten Flüsterton, davon die Rede ist, daß man morgen ja wieder Milchreis essen müsse.
Ohne davon zu wissen, war ich wohl schon länger Milchreisreservekandidat und so geschah es, daß Herr Müller Dienstags in mein Büro gescheppert kam und mir ein Glas auf den Schreibtisch stellte. Essen hatte ich an dem Tag tatsächlich nicht mit und stürzte mich Mittags heisshungrig auf die vermeintliche Süssspeise. Leider war die nicht süss - Herr Müller macht keinen Zucker in den Milchreis. Eigentlich ein "no go" ... der Hunger triebs rein, das Glas wurde ordentlich ausgewaschen und weil mans ja nur gut meint mit Herrn Müller, unter allerlei "hat sehr gut geschmeckt" zurückgegeben. Mit meinem verbindlichen Auftreten hatte ich mich aber jetzt unfreiwillig unter die Stammesser geschwindelt. Eine Woche später wurde somit die nächste Milchreisbombe auf meinem Schreibtisch zurückgelassen. Herr Müller erwähnte noch, daß er heute eine Stunde früher gehen müsse und somit das Glas bereits um 12:00 Uhr wieder abholen würde.
Das Schicksal wollte es, daß ich an diesem Nachmittag ne Präsentation vor den Vorständen zu halten hatte und noch einige geschäftsleitungskonforme Powerpointfolien zu erstellen waren. Die Hektik lies keinen Hunger zu und schon gar keinen "Kleinen Hunger" auf faden Milchreis, denselben ich innerhalb von Sekunden völlig vergessen hatte. Aber man trägt ja innere Uhren mit sich rum und so beganns kurz vor 12:00 an die Grosshirnrinde zu klopfen; die Erinnerung wars ... die Erinnerung daran, daß Herr Müller heut ja früher weg wollte.
Da stands noch ... das Milchreisglas ... völlig unberührt ... den Eindruck erweckend als hätts net g'schmeckt, der Inhalt habe einem ganz und gar nicht zugesagt. Sozial kompetent versetzt man sich kurz in Herrn Müller hinein und stellt fest, daß die Erklärung, man habe heute den Milchreis schlicht vergessen, im Ohr des Hobby-Pâtissier wohl unglaubwürdig klingen muss. Und? ... Ja! Wieder meint mans nur gut und überlegt wie man jetzt aus der Nummer rauskommt - also wohin mit dem Scheiss!?
Spontane Ideen sollen in Notsituationen schon geholfen haben und somit entschied ich mich für die Variante "in den Papierkorb und mit rumliegenden Folientestausdrucken zudecken".
Man rückt also etwas vom Tisch zurück, holt aus der Schreibtischschublade einen Esslöffel raus, klemmt sich den Papierkorb zwischen die Knie und beginnt schaufelradbaggerartig das klebrige Zeugs in den Papierkorb zu befördern und genau in dem Moment geht die Bürotür auf und man blickt in das anklagende Gesicht eines alten Mannes.
Kurz und knapp: "Wegwerfen wäre nun nicht nötig gewesen" seinerseits. Allerlei Gestammel meinerseits ... Türknallen! ... Dumm gucken!

Ich habs echt nur gut gemeint :-)
herold - 3. Feb, 21:11

milchreis schmeckt besonders gut, wenn man ihn durch ein saftiges steak ersetzt.

OhBehave - 3. Feb, 21:23

*lacht herzlich*
genau! ... dann muss auch kein Zucker dran sein!
thisandthat - 3. Feb, 21:39

sie könnten einfach in zukunft einen zuckervorrat in die arbeit mitnehmen... (andererseits - so schnell werden sie vermutlich ohnehin nicht mehr mit milchreis beehrt werden;-)
OhBehave - 3. Feb, 21:47

yep! ... jetzt muss ich mit meinen Papierkorb wieder in den Supermarkt :-)
Ich hab mir nämlich vorgenommen, Oberammergau-mässig, die Geschichte jedes Jahr im Walmart zur Aufführung zu bringen ... Interesse an der Rolle des "Herrn Müller"? Oskarnominierung quasi garantiert ;-)
thisandthat - 3. Feb, 22:06

nun ja, theoretisch wollte ich schon immer eine oskar-rolle. allerdings gibt es da ein kleines problem: aus anatomischen gründen wäre ich wohl nur für die FRAU müller geeignet *g*
OhBehave (Gast) - 3. Feb, 22:51

geht klar! ... da legen wir das Ganze gleich von Anfang an als "Directors Cut" an, dann ist das kein Problem ;-)
thisandthat - 3. Feb, 23:02

:-) sehr schön, ich freu mich schon. (solange ich bei den dreharbeiten keinen original müllerschen milchreis essen muss.)
OhBehave - 3. Feb, 23:06

wissen se was "unglücklich" ist ... wenn sie immer grad dann bei mir reinschauen, wenn ich gerade bei ihnen bin ... let's call us "Königskinder" ...
thisandthat - 3. Feb, 23:47

oh yes, so i'm a princess ;-)

wiedemauchsei - ich verabschiede mich für heute und wünsche eine gute nacht.
Nessy (Gast) - 4. Feb, 13:53

Solche Geschichten ...

... machen mich immer traurig. Ich weiß auch nicht. Herr Müller ist eine tragische Figur. Du aber auch, denn Du wollest ihm ja nur Gutes und hast dabei das Gegenteil bewirkt. *seufzttief*

OhBehave - 4. Feb, 17:41

Machen dich echt traurig? Oh ...
wegen mir musst nicht traurig sein ... ich sammle dererlei Fettnäpfchen richtiggehend bzw. zieh sie an und tret auch meistens rein.
Damit bin ich wieder bei einer Frage, die ich mir schon so oft gestellt habe: Wäre "bedingungslose" Offenheit besser? Wäre die "Kränkung" endeffektlich weniger schlimm gewesen, wenn ich beim zweiten Mal "Herr Müller" frank und frei gesagt hätte: "T'schuldigung aber mir schmeckt Milchreis ohne Zucker nicht, vielleicht will ihn ja ein Andere?" ... Hinzukommt, daß man damit ja allein stünde, weil die anderen Kollegen den Milchreis ja auch wiederwillig annehmen ... somit wirkt man mit seiner Offenheit nur noch "härter".

Was Herrn Müller betrifft ... ist ein richtig vornehmer alter Herr; dem Dialekt nach ursprünglich wohl aus der Berliner Ecke. Ich weiß nicht ob er evtl. Witwer ist und deshalb so sehr nach Beschäftigung strebt ...
nessy - 5. Feb, 20:20

Ich bin mit den Jahren dazu übergegangen, im Zweifelsfall ehrlich sein. Die Lüge ist keine Notlüge, denn worin besteht die Not? Sie besteht nur darin, den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen und das schlechte Gewissen dem übel schmeckenden Milchreis vorzuziehen. Die Rechnung geht aber nicht auf, denn durch die geschilderte Situation wiegt das schlechte Gewissen plötzlich doch schwerer als der Milchreis schlecht schmeckt und man wünscht sich, den bestehenden moralischen Konflikt bereits zu Beginn gelöst zu haben.

Ich denke, es wäre besser gewesen, zu Herrn Müller zu gehen, sich freundlich mit ihm zu unterhalten, um dann zu sagen, dass man seine Mühe sehr wohl zu schätzen wisse. Man könnte ihn fragen, ob er den Milchreis immer ohne Zucker koche und ob es damit eine besondere Bewandnis habe - man selbst möge ihn lieber mit und kenne ihn gar nicht ohne. Was würde Herr Müller sagen? Ich glaube nicht, dass er sehr gekränkt wäre. Und wenn es doch an ihm nagt, ist es allemal besser, als jede Woche aufs Neue zu lügen.

Ich kenne die Situation bei Besuchen in anderen Ländern, in denen man manchmal das Allerschlimmste, was man sich nur ausmalen kann, aufgetischt bekommt. Ich schäme mich jedesmal abzulehnen, aber wäre es nicht noch unhöflicher, wenn der Gastgeber bemerkt, mit welch gequälter Miene man das Zubereitete hinunterwürgt? Die Erfahrung hat gezeigt: Er merkt es immer. Und nicht immer deutet er es als Akt der Höflichkeit, dass man nichts gesagt hat.
OhBehave - 5. Feb, 22:48

Du hast schon recht und ich denk es spricht für dich wenn Du diesbzgl. Courage aufbringst.
Ich hab einfach zu wenig nachgedacht. Ich hatte nicht damit gerechnet beschenkt zu werden und schon gleich gar nicht mit dem zweiten Mal.
Somit hab ich mich genauso oberflächlich verhalten, wie ichs anderernorts an Anderen kritisiert habe. Net gut ...
nessy - 6. Feb, 12:45

Naja, so ist das halt. Ich find, aus solchen Situationen kann man immer nur lernen. Hilft dem Verhältnis zu Herrn Müller zwar auch nimmer weiter. Aber beim nächsten Mal weiß man's wenigstens besser.

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